Balkan by Bike – 04 – immer nur Kroatien

Wir hatten den Pausentag genutzt und zusammen kritisch auf die Karte geschaut, um ein Gefühl für die kommenden Tage zu kriegen. Dabei kam die Diskussion auf, dass wir schon wieder sehr viel in den Bergen unterwegs sein werden, David aber lieber länger am Meer geblieben wäre. Da wir das subtile Gefühl nicht los wurden, hinter unserem Zeitplan zu hängen, ließ ich mich mit dem Argument umstimmen, dass wir für die Teilstrecken zwischen den Inseln ja die Fähre nehmen müssten und so (bei gleicher Distanz) vermutlich weniger Höhenmeter zu bewältigen hätten und auch schneller sein würden.

Wie sich später herausstellen würde, war das zum Glück die richtige Entscheidung, wenn auch sich unsere anderen Annahmen als komplett falsch herausstellten.

Es ging also wieder los, ohne eine einzige Wolke am Himmel fuhren wir auf die Brücke nach Krk zu. Der Wärter im Zollhäuschen schaute zwar etwas ungläubig, aber wir durften die normalerweise zollpflichtige Brücke kostenlos passieren. Die Insel war genau so wie ich sie mir nicht vorgestellt hatte: Viel Verkehr, sehr heiß, kein Schatten und überraschend bergig. Zwischendrin fingen wir ernsthaft an zu zweifeln, ob das die richtige Entscheidung war. Nach einem Einkauf und noch viel mehr Sonne, erreichten wir nach einer kurzen Abfahrt Valbiska, die Fährstelle nach Rab.

Am Fährhaus war schnell klar, dass wir warten mussten. Beim Essen der Reste vom Vortag lernten wir ein Schweizer Pärchen kennen, die eine ähnliche Reiseroute hatten, aber auf uralten und schwer bepackten Vespas unterwegs waren. Eher beiläufig beim Vergleich unserer Routen erzählten sie von ihrer spontanen Idee über die Inseln vor der „Bora“ zu flüchten. Wir hatten natürlich nicht den Wetterbericht studiert und ließen uns aufklären. Als Bora, bzw. Burja werden kalte Fallwinde bezeichnet, die aufgrund der hohen Durchschnittsgeschwindigkeiten zu den stärksten der Welt gehören und bis zu 250km/h erreichen können. Nach einem kurzen Blick in den Wetterbericht wurde uns schnell klar, dass wir trotz der Strapazen auf Krk die richtige Entscheidung getroffen hatten und waren heilfroh, alldem über die kroatischen Inseln entkommen zu können. Manchmal muss man einfach Glück haben…

Die Autofähre nach Lopar auf Rab war wirklich groß, Kleinfahrzeuge wie wir duften aber zuerst an Board. Rab ist wunderschön, noch bergiger, es gibt aber auch etwas mehr Vegetation. Kurz nachdem wir die Stadt hinter uns gelassen hatten, war bei uns der Akku leer. Ich war einfach richtig erschöpft, so als hätte man mir den Stecker gezogen. Es half aber nichts: Direkt an der Straße konnten wir nicht bleiben, also krochen wir weiter den Berg hoch. Da Wildcampen in Kroatien (zumindest im touristischen Teil) verfolgt wird und mit hohen Strafen belegt ist, steuerten wir einen, leider sehr vollen Campingplatz an. Bei der Anmeldung kam dann der Schock: Weder David, noch ich fanden unsere Ausweise! Und so ganz langsam dämmerte es uns… Die hatten wir beim letzten Campingplatz abgegeben und bei der Abreise nicht wiederbekommen. Was für ein Anfängerfehler! Nach einem hektischen Telefonat war klar: Genau so war es passiert. Wir bekamen einen Scan unserer Personalausweise per Mail geschickt, konnten uns anmelden und bauten das Zelt auf. Nach längerer Diskussion und Abwägung aller Optionen blieb uns nur ein übrig: Wir beschlossen einen Campingplatz am Südzipfel von Kroatien kontaktieren, dort unsere Ausweise hinschicken zu lassen und ab sofort wieder so gut es ging wild zu zelten.

Etappe 6: 47,6km – 578Hm


Nächster Morgen – nächste Insel: Pag. Die „Fähre“ war eher ein kleines Boot, unsere Räder wurden provisorisch an Deck festgebunden und wir durften uns vorne aufs Deck setzen. Es folgte eine schaukelige Überfahrt bei strahlend blauem Himmel. Ich hatte gehofft Delfine zu sehen, leider haben sich keine gezeigt.

Nun gab es quasi keinen Schatten mehr, es war aber auch nicht mehr so bergig wie bisher auf den anderen Inseln. Außer einigen wenigen Einheimischen trafen wir niemanden mehr. Kaum waren wir 30 km unterwegs, ging uns pünktlich zur Mittagszeit das Wasser aus. An der Kirche in Novalja bekamen wir Wasser beim Pfarrer und konnten weiter fahren.

Kurz hinter der Stadtgrenze standen wir vor der nächsten schwierigen Wahl: nehmen wir die Straße und damit einen größeren Anstieg auf uns oder doch die Schotterpiste, die vermutlich weitestgehend flach sein müsste, aber leider gesperrt war. Die Hitze und müden Beine erleichterten die Entscheidung und wir wurden für unseren Mut belohnt mit einer der schönsten Offroad-Steckenabschnitte in Kroatien.

In Pag selbst führte der Weg vorbei an kleinen Fischerbooten, entlang eines riesigen Beckens zur Meersalzgewinnung. Obwohl die Straße in gutem Zustand und einigermaßen flach war, kam hartnäckiger Gegenwind auf, der uns nicht wieder los ließ. In Dinjiska bot sich eine Campingmöglichkeit bei einer netten Familie im Garten. Der eigene Steeg ins Meer war der krönende Abschluss des Tages.

Etappe 7: 65km – 671Hm


Der Wecker klingelte schon um 6 Uhr, wir hatten einen langen Tag vor uns. Nicht nur zurück aufs Festland, wir wollten zurück auf unsere eigentliche geplante Route in die Berge. Kaum waren wir runter von den Inseln, begann sehr böenartiger, heftiger Wind, der immer weiter zunahm, je näher wir der Pass-Straße kamen.

Die folgenden 14 km wurden die bis dahin anspruchsvollsten unserer Reise. Wir krochen mit durchschnittlichen 6km/h den Berg hoch, immer wieder von so heftigen Böen begleitet, dass uns nichts anderes übrig blieb, als anzuhalten. Teilweise war an Fahrradfahren nicht zu denken, ich wurde mehrfach, einfach so, vom Rad geweht oder gegen die Leitplanke gedrückt. Hinter der ersten Bergkette war es dann auch vorbei mit dem guten Wetter. Dunkelgrauer Himmel, weiterer starker Wind und Gewitter erwarteten uns. Bei gefühlt 20 Grad weniger und sichtlich abgekämpft, erreichten wir kurz vor Gracac wieder die geplante Route. Nach einem kurzen Abstecher zum örtlichen Supermarkt fanden wir einen kleinen Campingplatz außerhalb des Orts. Nach einigem hin und her waren wir uns einig, dass eine heiße Dusche nötig war.

Etappe 8: 72,3km – 1.264Hm


Nach einer etwas durchwachsenen Nach wachten wir mit Eis auf dem Zelt auf. So richtig mochte keine Begeisterung für den Tag aufkommen, nach einem kurzen Frühstück mit großem Kaffee fuhren es etwas später als gewöhnlich los. Und wie könnte es anders sein, natürlich erst mal bergauf.

Nach einer kurzen aber steilen Abfahrt nach Knin veränderte sich die Situation auf der Straße merklich. Von einem auf den anderen Moment war sehr viel Militär präsent. Ob in zivilen Mannschaftswagen, Pickups, LKW oder auch zu Fuß, überall waren Soldaten. Ich machte die durchaus angespannte Lage an der bosnisch-kroatischen Grenze, die nicht nur sehr lang, sondern auch eine weitestgehend unbefestigte „Grüne Grenze“ ist, dafür verantwortlich. Da nicht nur (mal wieder) die Schokoladenvorräte zur Neige gingen, sondern auch fast kein Benzin mehr in der Flasche war, machten wir den üblichen Abstecher in die Stadt.

Je weiter südlich wir kamen, desto weniger Militär war sichtbar. Kurz hinter dem Dorf Gradac fanden wir eine perfekt versteckte Stelle zum Zelten. In den letzten Tagen war mir aufgefallen, dass sich das Straßenbild der Orte in den Bergen fundamental von denen an der Küste unterscheidet. Es gibt kaum größere Städte, die Müllentsorgung ist quasi nicht existent, fast alle Einwohner betreiben kleine Landwirtschaften und halten Nutztiere. Der Kontrast ist schon sehr deutlich, wenn man bedenkt, dass das touristisch erschlossene Küstengebiet keine 80 km von den dörflichen Regionen quasi ohne Infrastruktur entfernt liegt. Einen Vorteil hatte unsere Abgeschiedenheit allerdings: Einen grandiosen Sternenhimmel, den ich so in Europa noch nicht gesehen hatte.

Etappe 9: 87,7Km – 976Hm


Der Wecker klingelte erneut relativ früh, wie immer wenn wir wild zelteten und dabei auf keinen Fall entdeckt werden wollten. An diesem Morgen waren wir so früh wach und so schnell beim Zelt abbauen und einpacken, dass wir schon um kurz vor 7 Uhr auf den Rädern saßen. Der Blick aufs GPS Gerät versprach eine längere Abfahrt, es ging zurück an die Küste. Als die Sonne richtig aufgegangen war, hielten wir zum Frühstücken an einer Bushaltestelle. Kurz darauf sorgten wir damit für amüsierte Blicke bei den Locals, die auf den Bus zur Arbeit warteten. Es kommt scheinbar nicht so häufig vor, dass neben der Haltestelle zwei ungewaschene Typen sitzen, die Kaffee kochen und Brot mit Ajvar essen…

Die lang ersehnte Abfahrt nach Split war dann leider doch nicht so spektakulär wie erwartet. Als wir an der Promenade ankamen, waren es bereits wieder schweißtreibende 26 Grad – wir hatten immer noch die gleichen Klamotten an, mit denen wir morgens bei knapp 4 Grad in den Bergen losgefahren waren. Nach einer kleinen Sightseeing Tour durch die historische Altstadt ging es direkt weiter nach Stobrec; zum dortigen Campingplatz hatten wir unsere Ausweise schicken lassen. Obwohl es erst halb vier am Nachtmittag war, beschlossen wir die Gelegenheit zu nutzen, um zu Waschen und checkten daher ein.

Etappe 10: 64km – 711Hm


Nach unzähligen stressigen Kilometern auf der kroatischen Küstenstraße nahmen wir die steile Pass-Straße hinter Omis sportlich. Leider fiel mal wieder das steilste Stück des Tages in die Mittagszeit. Manchmal muss es eben weh tun, bis man daraus lernt.

Die Hochebene, die sich uns nach der Schinderei zeigte, war jedoch Entschädigung genug. So hatten wir Kroatien noch nie gesehen: dichtes Buschland, eingebettet in hohe Berggipfel und durchschnitten vom Fluss Cetina, der im Laufe der Zeit eine tiefe Schlucht in den Boden gefressen hat.

Einige Pässe weiter fanden wir etwas abseits der Straße, mitten im Buschland, einen gut geschützten Platz für die Nacht.

Etappe 11: 81Km – 1.356Hm


Abfahrt am nächsten Morgen war pünktlich zum Sonnenaufgang. Kurz vor sieben. Losfahren. Und das im Urlaub… zum Glück war der erste Teil der Tagesetappe eher handzahm, es ging vor allem bergab in Richtung der Hafenstadt Ploce. Die 53 Km zur Fähre flogen gefühlt an uns vorbei und um die Mittagszeit warteten wir neben einer Reisegruppe mit schweren Harleys am Pier.

Mit dem Übersetzen auf die Halbinsel Pelješac gingen wir in Trpanj wieder an Land. Schon nach wenigen Kilometern war schnell klar, dass dieses Eck Kroatiens wieder zu den bergigeren gehört. Ich war nach kurzer Zeit völlig erschöpft. Am Ende halfen mir 500g Erdnüsse und zahlreiche Schokoriegel die unfassbar idyllische Landschaft trotz der vielen Anstiege zu genießen. Die letzten Kilometer hinunter nach Prapratno waren ein absoluter Hochgenuss, nichts schien mir schöner als das Straßenschild, das vor den 8% Gefälle der Straße warnte. Nach zwei sehr anstrengenden Tagen war klar, dass wir hier unseren zweiten Pausentag einlegen würden.

Etappe 12: 106km – 1.372Hm

 

 

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