Balkan by Bike – 05 – hoch hinaus

Unsere dritte Etappe wollten wir ganz entspannt nach einem Pausentag einläuten, die Nacht davor wartete jedoch mit heftigem Gewitter und starkem Regenfall auf. Nach einer weiteren regnerischen Nacht wechselte das Wetter wieder, so als ob nichts gewesen wäre, zurück auf blauen Himmel und strahlenden Sonnenschein. Von Prapratno fuhren wir an der etwas skurril wirkenden Festung von Ston vorbei, die für uns überraschend bergige und kurvenreiche Küstenstraße in Richtung Dubrovnik. Ich war vor fast 20 Jahren, vor dem großen Game of Thrones-Hype, schon einmal dort. Abgesehen von den vielen kleinen Baustellen für Restaurationsarbeiten, (vor allem an den Fassaden und Türmen) sah die Stadt aus, wie ich sie in Erinnerung behalten hatte.

Wunderschöne enge Gassen, uralte Gebäude und dazu sehr viele Menschen, die sich durch selbige drängten und schoben. Obwohl es bereits Ende September und später Nachmittag war, war der Andrang für geführte Touren und am Eingang zur Stadtmauer enorm. Nachdem wir realisiert hatten, dass der Eintrittspreis für die Stadtmauer (zugegeben das Highlight für alle Touristen mit wenig Zeit) mittlerweile bei knapp 30€ pro Person lag, beschlossen wir es bei einem Spaziergang durch die Stadt zu belassen und, wenn möglich, noch am gleichen Tag aus dem recht teurem Einzugsgebiet der Stadt zu radeln.

Etappe 13: 70,5km – 913Hm


Unser Tag startete früh und mit dem guten Gewissen Kroatien endlich hinter uns lassen zu können. Je näher wir der Grenze zu Montenegro kamen, desto häufiger trafen wir auf Grenzpolizei, die auf und ab fuhr, interessiert schaute, uns aber komplett in Ruhe ließ. Nervös machte es uns irgendwie trotzdem ein bisschen. Der Grenzübertritt selbst war dann doch recht entspannt, auch wenn für uns nicht direkt ersichtlich war, in welche Warteschlange wir uns einreihen sollten.

Montenegro begrüßte uns mit einem spannenden Mix aus schnell ziehenden Wolken, viel Wind und wunderschöner Landschaft. Zwischendrin gab es immer wieder Momente mit Sonnenschein der die Landschaft in fast magisches Licht tauchte. Dieses Land will ich unbedingt noch mal intensiver bereisen, um mehr vom Landesinneren zu sehen. Berichte vom Dumitor Nationalpark und die unzähligen Berge mit super netten wie gastfreundlichen Bewohnern lassen offroad-Radler und Naturliebhaber-Herzen höher schlagen.

Funfact: Die Landeswährung hier ist der Euro, obwohl Montenegro weder Teil der Währungsunion noch Mitglied der EU ist.

Wir machten eine längere Pause am Eingang der Kotor Bay. Schon jetzt eine eindrucksvolle Szenerie: eine unglaublich enge Bucht, man könnte meinen das gegenüberliegende Ufer sei zum Greifen nah. Der zum Landesinneren gewandte Teil ist eingerahmt von fast 2000m hohen Bergen mit beeindruckend steilen Wänden, die fast bis ans Wasser reichen. Lediglich der namensgebende Ort Kotor schmiegt sich im Süden auf einem schmalen Steifen bis an den steilen Hang an.

Ikonisch für die Bucht sind Gospa od Škrpjela und Sveti Đorđe, zwei kleine Inseln vor der Küste von Perast in der Bucht von Kotor. Dabei handelt es sich um künstliche Inseln, die im 12. Jahrhundert durch ein Bollwerk von Felsen und ausgedienter, mit Steinen beladener und versenkter Schiffe geschaffen wurden. Sie beherbergen ein Benediktinerkloster und einen Friedhof für den Adel aus Perast und den übrigen, umliegenden Gemeinden.

Die durchaus malerische Strecke um die Bucht kürzten wir mit einer kurzen Fährfahrt über die Meerenge ab. Wir waren natürlich mal wieder zur Rush-Hour auf der einzigen möglichen Straße unterwegs und wollten uns nicht dem starken Verkehrsaufkommen aussetzen.

Mit dem Blick auf die uns umgebenen Berge wurde uns so langsam bewusst, dass wir nun zum abenteuerlicheren und auch körperlich anstrengenderen Teil unserer Reise kommen würden. Der Blick aufs GPS verriet, dass es nicht sinnvoll war, für diesen Tag noch weiter zu fahren. Wir beschlossen relativ früh einen Campingplatz zu suchen, um Kraft zu sammeln und uns auf den nächsten Tag vorzubereiten.

Nachdem der von uns anvisierte Campingplatz leider geschlossen hatte, fanden wir dank des Tipps eines Mannes der den Hund ausführte, einen Platz fürs Zelt bei einer älteren Dame im Vorgarten, wo bereits ein deutsches Pärchen mit ihrem Camper stand.

 

Etappe 14: 59km – 531Hm


Kotor – UNESCO Weltkulturerbe mit unfassbar schönem historischen Stadtkern. Noch in der Stadt geht es bergauf, von unten ist es unvorstellbar, dass durch diese Bergflanke eine Straße führt. Ich musste mehrfach angestrengt vom GPS auf den Berg und wieder zurück schauen, um eine ungefähre Vorstellung zu bekommen, was uns erwarten würde. Von unten ist die alte Pass-Straße schwer bis gar nicht zu erkennen. Die Straße wurde im 19. Jahrhundert angelegt, ist weitestgehend einspurig und zum Glück nur moderat befahren. In den unzähligen, sehr engen Serpentinen ist jedoch fast immer genug Platz um dem Gegenverkehr ausweichen zu können. Bei moderater Steigung von durchschnittlich nur 5% geht es vorerst 900 Höhenmeter bergauf zu einem kleinen Café mit Aussichtspunkt.

Nach einer kurzen Kaffeepause fuhren wir weiter über die nagelneue und frisch asphaltierte Straße Richtung Lovćen Nationalpark. Die neue Straße ist mit ca. 16% Steigung deutlich steiler, dafür sehr großzügig breit bemessen, nach den vorangegangenen Höhenmetern aber auch doppelt anstrengend. Selten konnte ich nagelneuen Asphalt so wenig genießen, wie dort. Für alle, die den Lovćen Nationalpark weiter erkunden wollen, gibt es die Möglichkeit, nach Kauf eines Tickets (welches gleichzeitig als Postkarte genutzt werden kann), einen kleinen Zeltplatz am Eingang zum Nationalpark zu nutzen.

Kaum waren wir über den Berg, änderte sich die Jahreszeit. So weit oben im Nationalpark mischten sich auf einmal verschiedenste Ocker, Rot, Braun und Lilatöne in die Landschaft. Leider machte der wolkenverhangene Himmel es nicht ganz einfach, alle Farbschattierungen der Landschaft einzufangen.

Nach einem kurzen Einkauf in Cetinje und Stop an der Tankstelle, um Benzin für den Kocher aufzufüllen, hatten wir die erste Fahrradpanne – David hatte einen platten Vorderreifen, im Halbdunkel, nur wenige Kilometer außerhalb der Stadt. Es half alles nichts, wir mussten rechts ran fahren und den Schlauch im Schein der Stirnlampe wechseln. (Wir hatten beide jeweils einen Ersatzschlauch dabei. Unser Plan war, im Falle einer Panne einfach den Schlauch zu tauschen und den Defekten dann in Ruhe an einem Pausentag zu flicken).

Es folgte eine recht abenteuerliche Abfahrt über eine tief ausgewaschene Schotterpiste, die stellenweise durch kleinere Bergrutsche beschädigt war. Auf halber Strecke hinunter ins Tal trafen wir auf ein Rudel Hunde, vermutlich die versammelte Mannschaft der umliegenden Höfe, die sich jedoch durch das Klappern des Topfsets in der Radtasche und unseren Lampen einigermaßen beeindrucken ließen und uns in Ruhe ließen. Der Ortseingang von Rijeka Crnojevića war auch nicht besonders einladend. Verlassene und halb verfallene Gebäude wechselten sich im Schein der Stirnlampen mit riesigen sowjetischen Kriegsdenkmälern ab, gefolgt von einer großen Industrieruine. Zu unserer Erleichterung war der Campingplatz, der stark an einen aufgegebenen Fußballplatz erinnerte, beleuchtet und belebt. Hätte es diesen Campingplatz nicht gegeben, so wie in unserer Karte angeben, wir wären auch im Stockfinsteren und nach den ganzen Strapazen des Tages wieder zur anderen Seite aus dem Tal hinausgefahren. Stattdessen bauten wir erleichtert und auch ganz schön erschöpft unser Zelt an der Crnojević, dem nördlichen Zufluss des Skutarisee (auch Shkodrasee oder Skadarsee, dem größer See der Balkanhalbinsel) auf

Etappe 15: 76,9km – 1.581Hm


Nach sorgsamer Abwägung entschlossen wir uns einen Pausentag einzulegen und noch mal richtig die Füße hochzulegen.

 

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