Balkan by Bike – 06 – Offroad Paradise

Nach dem wohlverdienten Pausentag mussten wir wieder zurück auf die Landstraße Richtung Podgorica. Natürlich ging es wieder bergauf, die malerische Morača, den Zufluss zum Shkodra See, immer im Blick. Und natürlich war es mal wieder sehr heiß, ohne Schatten und wir mit dem Erreichen der Landstraße auch nicht mehr alleine auf der Straße.

Trotz des vielen Verkehrs kamen wir gut voran. Quasi mit Erreichen von Podgorica passierte, woraus wir fast schon gewartet hatten. David bemerkte eine gebrochene Speiche an seinem Hinterrad.  Wir hatten natürlich daran gedacht, Ersatzspeichen und Nippel mitzunehmen, jedoch eine Speiche getauscht, hatten wir jedoch beide noch nie.  Aus den Erzählungen der beiden Frauen vom Zeltplatz am Tag vorher wussten wir, dass der einzige Fahrradladen in Montenegro gegenüber einer großen Mall, mitten in der Innenstadt, lag. Nach 20 Minuten warten, rollten wir weiter stadtauswärts, bald durch eine fast steppenartige Landschaft in Richtung der Grenze zu Albanien, den Shkodra See immer wieder in Blickweite.

Kurz hinter der Grenze wartete eine positive Überraschung auf uns: guter Straßenbelag! Mit wirklich breiten Seitenstreifen, die auch in Deutschland als wirklich luxuriöse Radwege durchgehen würden. Die Landschaft im Nordwesten Albaniens ist grundsätzlich eher flach, die Berge scheinen wie aus dem Nichts, etwas unwirklich in die Landschaft gestellt, brauchen sich aber in ihrer Schönheit und schroffen Art in keinster Weise vor den Alpen verstecken. Die Bezeichnung als albanische Alpen ist definitiv gerechtfertigt.

 

Der Besuch im Supermarkt gestaltete sich jedoch etwas schwierig: Die Regale waren nur sehr spartanisch gefüllt, Vieles nicht erhältlich, insgesamt aber sehr günstig. Den Hinweis, es sei schwierig in Albanien viel Geld auszugeben, können wir jedenfalls bestätigen.

Auf der Suche nach einem Platz für die Nacht hatte David einen Campingplatz direkt am See ausgemacht. Nach einem längeren Stück über eine wirklich schlechte Schotterpiste und nicht existenter Beschilderung, standen wir relativ verloren neben einem verlassenen Restaurant am Ufer und schauten in einen malerischen Sonnenuntergang. Die kurz darauf folgende Begegnung in Verbindung mit einer nicht zu überwindenden Sprachbarriere war uns nicht ganz geheuer, und so führte uns unser Weg die Schotterpiste zurück auf die Straße. Vermutlich waren wir etwas zu voreingenommen, manchmal muss man erst ein paar Tage im Land verbringen, um Menschen richtig einschätzen zu können. Letztendlich rette uns mein Garmin GPS den Abend und mit einen Umweg von fast 10Km fuhren wir zum Shkodra Lake Resort, dem besten Campingplatz unserer Reise durch den Balkan. Viele Grüße an dieser Stelle an Karin, Marian, Luca und Lou  und das deutsche Pärchen aus dem Vorgarten in Montenegro.

Etappe 13: 84km – 784Hm


Jetzt aber wollten wir los in das eigentliche Abenteuer: durch steppenartige Landschaften mit abgeernteten Feldern, kontinuierlich das grüne Tal des Përroi i thatë (wörtlich „trockener Strom“) knapp 1000 Höhenmeter die schmale, einspurige Straße hinauf. Die Einwohner hier fahren meist Mercedes aus den 90er Jahren, welche unfassbar robust gebaut sein müssen, oder nehmen das Pferd bzw. den Esel. Flankiert von verlassenen Weiden, dichter Vegetation und steilen Hängen bis senkrechtem Fels führte die Straße uns ins Dorf Bogë. Obwohl wir nur eine verhältnismäßig kurze Strecke geschafft hatten, bogen wir ab auf den örtlichen Campingplatz, um in der sehr wasserarmen Region unsere Vorräte aufzufüllen. Nachdem unser Zelt stand und wir frisch geduscht waren, fiel uns auf, dass unser Hunger in den letzten Tagen wohl doch etwas größer war, als geplant. Als Notlösung wählten wir den Besuch in einem kleinen Restaurant nebenan. Die Karte war kurz und enthielt ausschließlich regionale Gerichte, die Balkan-typisch recht fleischlastig war. Ich wählte Ziege mit saisonalem Gemüse und war echt begeistert.

Nach dem Essen nahmen wir uns weiter Zeit, uns auf den morgigen Tag vorzubereiten. Vom Zelt aus waren die jetzt doch deutlich steiler gewordenen Wände des Tals zu sehen, auf denen die Sonne unterging. Die Pass-Straße, über die wir am nächsten Tag weiter wollten, schlängelte sich gefühlte 100 Serpentinen und Kurven bis knapp an die Baumgrenze am Horizont.

Etappe 14: 41,5km – 1.058Hm


Der Morgen startete direkt mit dem Qafa e Thorës (deutsch: Thore-Pass) von Bogë nach Theth. Auf der nördlichen Seite, kurz hinter Bogë, war bereits deutlich die touristische Erschließung mit dem Bau von Guesthouses und einem Hotel sichtbar. Die Gegend gehört zu den ärmsten Regionen in Albanien, was sich auch immer wieder an den recht einfachen Lebensumständen und noch immer zerschossenen Straßenschildern zeigt. Die Menschen leben vor allem von der Viehzucht und den Touristen, die sich hier hin verirren, um alpine Wanderungen abseits gut dokumentierter Wege zu suchen.

Der Asphalt endet recht abrupt an der höchsten Stelle des Passes. Die sich anschließende Schotterpiste auf der Südseite fahren quasi nur noch Einheimische mit Allrad-Fahrzeugen. Zu Anfang ist sie noch in gutem Zustand und auch mit dem Rad noch gut befahrbar, später wird die Piste immer schlechter, buckeliger, ausgewaschener und auch gefährlicher. Straßenbegrenzungen wie Leitplanken sucht man in weiten teilen vergebens, die Straße ist gepflastert mit Gedenksteinen verunglückter Menschen. Wer hier von der Straße abkommt, stürzt viele Meter den steilen Hang hinunter. Wir waren die einzigen Radfahrer hier; die wenigen Menschen, die wir trafen, schwankten zwischen Unglauben und Anerkennung. Den Ratschlag eines Fahrers „Stop, Stop! Don’t go further“ ignorierten wir und fuhren vorsichtig weiter in Richtung Theth.

Je näher wir Theth kamen, umso herbstlicher wurde es. Und umso schlechter wurde die Straße. Mittendrin war der Hang abgerutscht und mit schwerem Gerät wieder frei geräumt worden. Leider hatte auch der Untergrund merklich gelitten und war wie von Wildschweinen umgegraben.

 

Nach einigen holprigen Stunden überquerten wir den Fluss Lumi i Thethit über die einzige Brücke im Ort und bogen auf die Hauptstraße ein. Diese war wirklich ein Erlebnis – das war längst kein Schotter mehr, sondern große, lose Steinbrocken.

Wir fanden einen Platz fürs Zelt im Garten einer Familie, die einen Biergarten betrieb. Die Hauskuh und mehrere Hühner schauten uns interessiert zu, wir schauten interessiert zurück.

Am späten Nachmittag versuchten wir ohne Gepäck den Einstieg zum Peaks of the Balkan zu finden. Schon am Vormittag hatten wir festgestellt, dass unser Kartenmaterial nicht besonders akkurat war und sich Wege stark verändert hatten. Nachdem wir etwas umständlich den Weg und einen ersten Wegweiser Richtung Valbonë gefunden, begann die Diskussion: Was wir sahen, hätte uns hier nicht verwundern dürfen, erwartet hatten wir trotzdem etwas anderes. Der Weg war schlecht, steil, an Fahrradfahren war nicht im Ansatz zu denken. Wenn der Weg so bleiben würde, hätten wir ein echtes Problem. Beim Abendessen fassten wir dann den Entschluss, es einfach zu versuchen. Darüber wo unsere jeweilige Schmerzgrenze lag, sprachen wir zum Glück nicht, es blieb uns auch nichts anderes übrig, als die knapp 16km bis Valbonë zu schaffen. Zur Not eben schiebend zu Fuß.

Etappe 15: 30,7km – 888Hm


Ich hatte im Zelt genau die Karte studiert und mit dem GPS Track abgeglichen: der Anstieg bis auf den Bergsattel war ungefähr 8km lang. Mit 1.100 Höhenmetern. Also starteten wir überaus motiviert und früh am Tag, um in alpinem Gelände möglichst nicht in die Dunkelheit zu kommen. Als wir an der Brücke zur Straße zurück nach Bogë vorbei kamen, fiel uns ein neues Straßenschild auf. (Nicht das es hier sonst Straßenschilder geben würde) Die Straße über die wir her kamen, wurde gesperrt, um sie zu planieren und asphaltieren. Vermutlich waren wir also die letzten Radfahrer, die in den Genuss dieser herausfordernden Gravel-Piste kamen.

Die ersten Kilometer waren vermutlich die frustrierendsten der Reise. Wie zu erwarten, war an Fahrradfahren nicht zu denken. Der Weg war einfach zu steil und zu schlecht und so ging es einfach langsam schiebend voran. Da wir vor allem durch dichten Wald schoben, war auch die Landschaft eher eintönig. Als wir auf ein kleines Plateau kamen und der Blick frei auf die Wände des Maja E Radohimës fiel, waren wir erst einmal sprachlos. Nach einer kurzer Pause und einem ersten Mittagessen vor dieser Szenerie ging es mit neuer Motivation und Kraft weiter bergauf. Hin und wieder kam uns ein Eselführer mit Gepäck entgegen, ansonsten mühten wir uns recht einsam ab.

Auf dem letzten Kilometer wurde das Gelände dann zur richtigen Herausforderung. Der Weg war so steil und verblockt, dass selbst Schieben unmöglich wurde. Auf dem GPS sah es einfach nicht mehr weit aus, wenn auch kein eindeutiger Gipfel in Sicht war. Wir schoben und trugen die Räder einzeln, Stück für Stück, immer weiter Richtung Gipfel. Gefühlt kamen wir einfach nicht mehr vorwärts, bei uns stellte sich auch langsam eine gewisse Erschöpfung ein. Unsere fast 35kg schweren Räder den ganzen Tag nach oben zu stemmen, waren wir einfach nicht gewohnt. Umso euphorischer waren wir, als endlich der Bergsattel in Sicht war. Unter den etwas ungläubigen Blicken eines Einheimischen mit Esel im Schlepptau standen wir am frühen Nachmittag am höchsten Punkt unserer Reise: auf 1815m, knapp unter dem Gipfel das Maja Valbonës.

Die letzten Snacks im Gepäck waren ein Paket Erdnüsse, aber soviel Zeit nahmen wir uns und legten eine kurze Pause ein.

All die Höhenmeter, die wir uns nach oben gekämpft hatten, mussten wir jetzt wieder hinunter. Natürlich wurde dies auch keine kleinere Herausforderung. Der Weg hinunter war natürlich nicht viel anders als der Weg nach oben, nur stellenweise noch bedeutend steiler. Dafür hatten wir diesmal die Schwerkraft auf unserer Seite.

„Die meisten Unfälle in den Bergen passieren beim Abstieg“

Mit dieser Weisheit in den Ohren schoben wir unsere Räder bergab wie wir sie hinauf geschoben hatten, beide Hände immer an den Bremsen und voller Konzentration. Erst als wir die ersten versprengten Häuser in den Ausläufern des Valbonë Tal erreichten, war zeitweise daran zu denken, wieder aufs Rad zu steigen. Nach einem quälend langen und anstrengenden Stück Piste durch ein trockenes Flussbett erreichten wir, schon nach Einbruch der Dämmerung, den Beginn der asphaltierten Straße nach Valbonë. Da die Urlaubssaison hier längt vorbei war und der Herbst sich ankündigte, hatte kein Campingplatz mehr geöffnet. Letztendlich durften wir im Vorgarten eines Restaurants zelten und sogar das W-Lan nutzen.

Danke Ekki für: „diese Etappe vom Peaks of the Balkan kann man gut mit dem Rad machen“, du hast uns ein echtes Abendteuer beschert. Rest in Peace.

Etappe 16: 20,7km – 1.147Hm


Mit dem nächsten Morgen wurde aus einer Vermutung dann Gewissheit: Hier war es längst richtig Herbst! Die bunten Blätter an den Bäumen und die dünne Eisschicht auf dem Zelt sorgten dafür, dass wir beim Kochen, Packen und Co nicht so richtig in Fahrt kamen. Erst als die Sonne in das schmale Tal schien, machten wir uns auf den Weg, weiter das Tal hinunter nach Bajram Curri, um Lebensmittel und Kocherbenzin zu kaufen. Nachdem wir bergeweise frisches Obst und Gemüse, Nudeln und Backwaren gekauft hatten, (das kommt davon wenn man hungrig Einkaufen geht) machten wir eine längere Mittagspause kurz vor der Stadt am Denkmal des namensgebenden Freiheitskämpfers Bajram Curri.

Unsere Tourenplanung sah vor, weiter durch die albanischen Berge über Krumë und Kukës in den Kosovo zu fahren. Nach den Strapazen der letzten Tage waren wir jedoch wenig motiviert noch mehr Berge zu sehen und entschlossen spontan Richtung Nord-Osten zu fahren, um über Gjakovë nach Prizren in den Kosovo zu kommen. Was wir natürlich nicht so direkt bemerkten: natürlich befindet sich der Grenzübergang zum Kosovo auf einer Bergkette und natürlich hatten wir uns mal wieder die heißeste Zeit des Tages ausgesucht, dort hochzufahren. Nach einem sehr netten Gespräch an der Grenze (Der Beamte dort sprach sehr gut deutsch und war großer FC Bayern München Fan) fuhren wir auf bestem Asphalt in Richtung Gjakovë. Wir hatten einen richtig guten Tag und dank des windstillen Wetters und der ganz leicht abschüssigen Straße, fuhren wir mit deutlich über 30km/h nach Prizren, der zweitgrößten Stadt des Kosovos. Etwas überrascht von unserer Leistung, checkten wir mangels Alternativen bei Edis im Hostel M99, mitten in der Innenstadt, ein. Den verbliebenen Abend nutzen wir, um die Innenstadt zu erkunden, Essen zu gehen und mal wieder richtig ausgiebig zu duschen. Vielleicht auch nicht ganz in dieser Reihenfolge.

Etappe 17: 105km – 912Hm


Da uns Prizren wirklich gut gefiel, fassten wir (unter anderem wegen des einsetzenden, starken Regens) spontan den Entschluss, eine weitere Nacht hier zu bleiben und Edis über den Kosovo, den angrenzenden Nationalpark und unsere Route mit Fragen zu löchern.

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