Ihr habt vielleicht bereits vor einigen Jahren eine Stirnlampe wie z.B. die Tikka XP von Petzl gekauft und seid im total zufrieden damit, aber ihr habt die Lampe dauerhaft im Einsatz und das Laden und Wechseln von 3 AAA Akkus ist euch zu lästig? Zum Glück gibt es seit 2019 bei Petzl den CORE Akku, der per Micro-USB auch unterwegs entspannt wieder aufgeladen werden kann. Klingt total verlockend: Nie wieder eine ungerade Anzahl Akkus laden zu müssen, mit einem Ladegerät das meistens eine richtige Steckdose braucht. Gerade für längere Touren wäre das ein echter Zugewinn, Gewichts- und Packvolumensersparnis inklusive.
Leider werdet ihr relativ schnell feststellen das alle Petzl-Stirnlampen die vor der Einführung des Akkus auf den Markt kamen, im Akkufach zwei kleine Stege haben, die dafür sorgen dass der schöne neue Akku nicht in euren lieb gewonnenen Begleiter passt. Glücklicherweise ist dies ein rein mechanischen Problem: Der Akku hat die richtige Spannung und die Kontakte an den richtigen Stellen, nur die blöden Stege sind im Weg. Ich habe 2019 zusammen mit meinem Kollegen David einfach mal ausprobiert was passiert, wenn man die einfach mit einem Dremel weg fräst. Wir haben damals mit dem Handy ein kleines Video gedreht:
Das Kunststoffgehäuse ist relativ stabil, man braucht keine Angst zu haben aus versehen durch das Gehäuseteil durch zu fräsen, etwas handwerkliches Geschick ist sicherlich von Vorteil. Das Resultat hätte besser kaum sein können: David kann seine alte, noch geregelte Tikka-XP mit dem neuen CORE Akku benutzen, produziert weniger Batteriemüll, hat eine längere Laufzeit (im Vergleich mit 3x AAA Eneloop Akkus) und musste sich keine neue Stirnlampe kaufen.
(Petzl empfiehlt das natürlich nicht, evtl. Garantie erlischt natürlich, diese Lampe läuft bis zum heutigen Tag einwandfrei)
Nach längerer Diskussion war klar, Sharr Mountain National Park musste einfach sein, 1150 Höhenmeter hin oder her. Wir hatten im Hostel neue Kraft tanken können und die Landschaft sollte – mal wieder – atemberaubend sein. Leider startete der Tag kalt, nass und wolkenverhangen. Nach einem kurzen Besuch beim Bäcker fuhren wir stadtauswärts, vorbei an Ausflugslokalen und durch kleine Dörfer. Während des zweiten Frühstücks hielt eine Familie mit einem Allrad-Expeditions-Camper neben uns und fragte, ob sie uns mitnehmen solle. Ich muss zugeben, ganz kurz hatte ich den Gedanken, das Angebot anzunehmen. Wir entschieden uns dann aber doch, dankend, den Nationalpark mit eigener Kraft zu durchqueren. Die „atemberaubenden Landschaft“ ließ sich allerdings nur erahnen, der Nebel war so dicht, dass Alles, was weiter als 20m entfernt war, von einer großen weissen Wand verschluck wurde. Mit zunehmender Höhe wurde es auch empfindlich kalt. Bald hatten wir alle unsere Bekleidungsschichten an und froren trotzdem vor uns hin.
Spürbar wärmer wurde es erst wieder im Tal und auf dem Weg zur Grenze nach Nord-Mazedonien. In Skopje angekommen, nahmen wir wieder mangels Alternativen ein Zimmer in einem Hostel in Nähe des Bahnhofs. David hatte in den letzten Tagen bereits immer mal wieder diffuse Knieschmerzen gehabt, die jedoch immer wieder von selbst verschwanden, sich jetzt aber hartnäckig hielten. Wir fassten den Plan, einen Tag länger als geplant in Skopje zu verbringen, die Stadt zu erkunden und dafür den Zug über Prilep nach Bitola zu nehmen, um sein Knie zu schonen.
Etappe 18: 104km – 1517Hm
Der Zug sollte morgens um 6:04 fahren. Das war eindeutig zu früh. Wir hatten aber die Hoffnung, dass so früh niemand aus Skopje raus fahren wollte und der Zug möglichst leer sein würde. So richtig sicher, ob das mit den Fahrrädern klappen würde, waren wir nämlich nicht, trotz der Beteuerungen der netten Dame am Schalter. Wie sich zeigen sollte, war diese Sorge berechtigt:
Seit die Nord Mazedonische Bahngesellschaft neue Züge in China gekauft hat, nehmen sie keine Radfahrer mehr mit. Leider hatte uns das die Dame am Ticketschalter im Hauptbahnhof in Skopje so nicht gesagt. Trotz des eines gültigen Tickets wurden wir nicht mitgenommen. Da half auch keine „Überzeugungsarbeit“ beim Schaffner. Während im Kosovo quasi jeder Englisch oder sogar Deutsch spricht, versteht in Nord Mazedonien quasi niemand Englisch. Oder möchte es nicht verstehen.
Da standen wir nun ganz schön verloren und etwas ratlos alleine am Bahnsteig. Zurück im Hostel musste erstmal Frühstück her. Nach einer kurzen Beratung bekamen wir den Tipp, es mit einem Überland-Bus zu versuchen. Das war erst mal unsere nächste Hoffnung. Am Busbahnhof verstanden wir schnell, wie es läuft: Erst mal mit dem Busfahrer sprechen, mit diesem verhandeln und dann am Schalter ein Ticket kaufen. Rückblickend war das doch sehr einfach und unkompliziert und dank eines kleinen Taschengeldes wurden wir mitsamt unserer Räder und dem Gepäcks bis Ohrid, am gleichnamigen See, mitgenommen.
Dort angekommen nutzten wir die Wartezeit, um einen kleinen Abstecher an den recht malerischen See und in die historische (und von Touristen bevölkerte) Altstadt zu machen. Nach ziemlich ähnlichen Verhandlungen, diesmal unterstützt vom sehr netten Aufseher des Busbahnhofs, fuhren wir mit dem nächsten Bus weiter bis Bitola, um von dort weiter mit dem Rad über die Grenze nach Griechenland zu fahren. Nach wenigen Kilometern fanden wir kurz vor Phlorina zwischen zwei Maisfeldern einen geschützten Platz fürs Zelt. Das Highlight des Tages: endlich wieder in der EU & endlich wieder EU-Datenroaming!
Etappe 19: 283km, davon 37km mit dem Rad
Der nächste Morgen brach an und damit mein Geburtstag: Wir rollten im Morgengrauen der aufgehenden Sonne entgegen nach Pholrina, um im Ortskern zur Feier des Tages einen Kaffee zu trinken und zu frühstücken. Um diese Uhrzeit waren fast ausschließlich Berufspendler unterwegs, die im einzigen Café im Ort rauchten und Espresso tranken. Dazu bollerte ein kleiner Holzofen gegen die morgentliche Kälte an. Bei Kaffee und Simet überlegten wir, ob wir die letzten Kilometer nach Thessaloniki mit dem Rad oder dem Zug zurück legen sollten. Da sich Davids Knieschmerzen nicht wesentlich gebessert hatten und wir so vermutlich zwei Tage länger gebraucht hätten, entschieden wir uns, es noch einmal mit den Zug zu versuchen. Mit dem Fahrrad den Regionalzug zu nutzen, ist in Griechenland überhaupt kein Problem, solange man vor der Fahrt mit dem Schaffner spricht und genügend Platz im Zug ist.
Diesmal hatten wir mehr Glück und nach zwei Stunden Fahrt kamen wir in Thessaloniki an. Auch mit ausgiebiger Recherche mussten wir einsehen, das alle Hotels zu teuer und die Campingplätze zu weit außerhalb der Stadt lagen. Also buchten wir spontan ein AirBnB mitten in der Stadt, um dort die letzten 3 Tage zu schlafen, die Stadt zu erkunden und die Fahrräder für den Flug nach Hause zu verpacken.
Zurückblickend muss ich sagen, der Balkan hat bei mir echt Eindruck hinterlassen. Vor allem Albanien, Montenegro und der südliche Teil des Kosovo haben es mir angetan. Diese Regionen werde ich mit weiteren Reisen garantiert noch einmal ausführlichere Besuche abstatten. Vielen Dank an dieser Stelle an David für die grandiose Zeit, den unfassbar großen Spaß, auch in den herausfordernden Situationen und dafür, dass du verrückt genug warst, mit mir diese Reise zu machen!
Nach dem wohlverdienten Pausentag mussten wir wieder zurück auf die Landstraße Richtung Podgorica. Natürlich ging es wieder bergauf, die malerische Morača, den Zufluss zum Shkodra See, immer im Blick. Und natürlich war es mal wieder sehr heiß, ohne Schatten und wir mit dem Erreichen der Landstraße auch nicht mehr alleine auf der Straße.
Trotz des vielen Verkehrs kamen wir gut voran. Quasi mit Erreichen von Podgorica passierte, woraus wir fast schon gewartet hatten. David bemerkte eine gebrochene Speiche an seinem Hinterrad. Wir hatten natürlich daran gedacht, Ersatzspeichen und Nippel mitzunehmen, jedoch eine Speiche getauscht, hatten wir jedoch beide noch nie. Aus den Erzählungen der beiden Frauen vom Zeltplatz am Tag vorher wussten wir, dass der einzige Fahrradladen in Montenegro gegenüber einer großen Mall, mitten in der Innenstadt, lag. Nach 20 Minuten warten, rollten wir weiter stadtauswärts, bald durch eine fast steppenartige Landschaft in Richtung der Grenze zu Albanien, den Shkodra See immer wieder in Blickweite.
Kurz hinter der Grenze wartete eine positive Überraschung auf uns: guter Straßenbelag! Mit wirklich breiten Seitenstreifen, die auch in Deutschland als wirklich luxuriöse Radwege durchgehen würden. Die Landschaft im Nordwesten Albaniens ist grundsätzlich eher flach, die Berge scheinen wie aus dem Nichts, etwas unwirklich in die Landschaft gestellt, brauchen sich aber in ihrer Schönheit und schroffen Art in keinster Weise vor den Alpen verstecken. Die Bezeichnung als albanische Alpen ist definitiv gerechtfertigt.
Der Besuch im Supermarkt gestaltete sich jedoch etwas schwierig: Die Regale waren nur sehr spartanisch gefüllt, Vieles nicht erhältlich, insgesamt aber sehr günstig. Den Hinweis, es sei schwierig in Albanien viel Geld auszugeben, können wir jedenfalls bestätigen.
Auf der Suche nach einem Platz für die Nacht hatte David einen Campingplatz direkt am See ausgemacht. Nach einem längeren Stück über eine wirklich schlechte Schotterpiste und nicht existenter Beschilderung, standen wir relativ verloren neben einem verlassenen Restaurant am Ufer und schauten in einen malerischen Sonnenuntergang. Die kurz darauf folgende Begegnung in Verbindung mit einer nicht zu überwindenden Sprachbarriere war uns nicht ganz geheuer, und so führte uns unser Weg die Schotterpiste zurück auf die Straße. Vermutlich waren wir etwas zu voreingenommen, manchmal muss man erst ein paar Tage im Land verbringen, um Menschen richtig einschätzen zu können. Letztendlich rette uns mein Garmin GPS den Abend und mit einen Umweg von fast 10Km fuhren wir zum Shkodra Lake Resort, dem besten Campingplatz unserer Reise durch den Balkan. Viele Grüße an dieser Stelle an Karin, Marian, Luca und Lou und das deutsche Pärchen aus dem Vorgarten in Montenegro.
Etappe 13: 84km – 784Hm
Jetzt aber wollten wir los in das eigentliche Abenteuer: durch steppenartige Landschaften mit abgeernteten Feldern, kontinuierlich das grüne Tal des Përroi i thatë (wörtlich „trockener Strom“) knapp 1000 Höhenmeter die schmale, einspurige Straße hinauf. Die Einwohner hier fahren meist Mercedes aus den 90er Jahren, welche unfassbar robust gebaut sein müssen, oder nehmen das Pferd bzw. den Esel. Flankiert von verlassenen Weiden, dichter Vegetation und steilen Hängen bis senkrechtem Fels führte die Straße uns ins Dorf Bogë. Obwohl wir nur eine verhältnismäßig kurze Strecke geschafft hatten, bogen wir ab auf den örtlichen Campingplatz, um in der sehr wasserarmen Region unsere Vorräte aufzufüllen. Nachdem unser Zelt stand und wir frisch geduscht waren, fiel uns auf, dass unser Hunger in den letzten Tagen wohl doch etwas größer war, als geplant. Als Notlösung wählten wir den Besuch in einem kleinen Restaurant nebenan. Die Karte war kurz und enthielt ausschließlich regionale Gerichte, die Balkan-typisch recht fleischlastig war. Ich wählte Ziege mit saisonalem Gemüse und war echt begeistert.
Nach dem Essen nahmen wir uns weiter Zeit, uns auf den morgigen Tag vorzubereiten. Vom Zelt aus waren die jetzt doch deutlich steiler gewordenen Wände des Tals zu sehen, auf denen die Sonne unterging. Die Pass-Straße, über die wir am nächsten Tag weiter wollten, schlängelte sich gefühlte 100 Serpentinen und Kurven bis knapp an die Baumgrenze am Horizont.
Etappe 14: 41,5km – 1.058Hm
Der Morgen startete direkt mit dem Qafa e Thorës (deutsch: Thore-Pass) von Bogë nach Theth. Auf der nördlichen Seite, kurz hinter Bogë, war bereits deutlich die touristische Erschließung mit dem Bau von Guesthouses und einem Hotel sichtbar. Die Gegend gehört zu den ärmsten Regionen in Albanien, was sich auch immer wieder an den recht einfachen Lebensumständen und noch immer zerschossenen Straßenschildern zeigt. Die Menschen leben vor allem von der Viehzucht und den Touristen, die sich hier hin verirren, um alpine Wanderungen abseits gut dokumentierter Wege zu suchen.
Der Asphalt endet recht abrupt an der höchsten Stelle des Passes. Die sich anschließende Schotterpiste auf der Südseite fahren quasi nur noch Einheimische mit Allrad-Fahrzeugen. Zu Anfang ist sie noch in gutem Zustand und auch mit dem Rad noch gut befahrbar, später wird die Piste immer schlechter, buckeliger, ausgewaschener und auch gefährlicher. Straßenbegrenzungen wie Leitplanken sucht man in weiten teilen vergebens, die Straße ist gepflastert mit Gedenksteinen verunglückter Menschen. Wer hier von der Straße abkommt, stürzt viele Meter den steilen Hang hinunter. Wir waren die einzigen Radfahrer hier; die wenigen Menschen, die wir trafen, schwankten zwischen Unglauben und Anerkennung. Den Ratschlag eines Fahrers „Stop, Stop! Don’t go further“ ignorierten wir und fuhren vorsichtig weiter in Richtung Theth.
Je näher wir Theth kamen, umso herbstlicher wurde es. Und umso schlechter wurde die Straße. Mittendrin war der Hang abgerutscht und mit schwerem Gerät wieder frei geräumt worden. Leider hatte auch der Untergrund merklich gelitten und war wie von Wildschweinen umgegraben.
Nach einigen holprigen Stunden überquerten wir den Fluss Lumi i Thethit über die einzige Brücke im Ort und bogen auf die Hauptstraße ein. Diese war wirklich ein Erlebnis – das war längst kein Schotter mehr, sondern große, lose Steinbrocken.
Wir fanden einen Platz fürs Zelt im Garten einer Familie, die einen Biergarten betrieb. Die Hauskuh und mehrere Hühner schauten uns interessiert zu, wir schauten interessiert zurück.
Am späten Nachmittag versuchten wir ohne Gepäck den Einstieg zum Peaks of the Balkan zu finden. Schon am Vormittag hatten wir festgestellt, dass unser Kartenmaterial nicht besonders akkurat war und sich Wege stark verändert hatten. Nachdem wir etwas umständlich den Weg und einen ersten Wegweiser Richtung Valbonë gefunden, begann die Diskussion: Was wir sahen, hätte uns hier nicht verwundern dürfen, erwartet hatten wir trotzdem etwas anderes. Der Weg war schlecht, steil, an Fahrradfahren war nicht im Ansatz zu denken. Wenn der Weg so bleiben würde, hätten wir ein echtes Problem. Beim Abendessen fassten wir dann den Entschluss, es einfach zu versuchen. Darüber wo unsere jeweilige Schmerzgrenze lag, sprachen wir zum Glück nicht, es blieb uns auch nichts anderes übrig, als die knapp 16km bis Valbonë zu schaffen. Zur Not eben schiebend zu Fuß.
Etappe 15: 30,7km – 888Hm
Ich hatte im Zelt genau die Karte studiert und mit dem GPS Track abgeglichen: der Anstieg bis auf den Bergsattel war ungefähr 8km lang. Mit 1.100 Höhenmetern. Also starteten wir überaus motiviert und früh am Tag, um in alpinem Gelände möglichst nicht in die Dunkelheit zu kommen. Als wir an der Brücke zur Straße zurück nach Bogë vorbei kamen, fiel uns ein neues Straßenschild auf. (Nicht das es hier sonst Straßenschilder geben würde) Die Straße über die wir her kamen, wurde gesperrt, um sie zu planieren und asphaltieren. Vermutlich waren wir also die letzten Radfahrer, die in den Genuss dieser herausfordernden Gravel-Piste kamen.
Die ersten Kilometer waren vermutlich die frustrierendsten der Reise. Wie zu erwarten, war an Fahrradfahren nicht zu denken. Der Weg war einfach zu steil und zu schlecht und so ging es einfach langsam schiebend voran. Da wir vor allem durch dichten Wald schoben, war auch die Landschaft eher eintönig. Als wir auf ein kleines Plateau kamen und der Blick frei auf die Wände des Maja E Radohimës fiel, waren wir erst einmal sprachlos. Nach einer kurzer Pause und einem ersten Mittagessen vor dieser Szenerie ging es mit neuer Motivation und Kraft weiter bergauf. Hin und wieder kam uns ein Eselführer mit Gepäck entgegen, ansonsten mühten wir uns recht einsam ab.
Auf dem letzten Kilometer wurde das Gelände dann zur richtigen Herausforderung. Der Weg war so steil und verblockt, dass selbst Schieben unmöglich wurde. Auf dem GPS sah es einfach nicht mehr weit aus, wenn auch kein eindeutiger Gipfel in Sicht war. Wir schoben und trugen die Räder einzeln, Stück für Stück, immer weiter Richtung Gipfel. Gefühlt kamen wir einfach nicht mehr vorwärts, bei uns stellte sich auch langsam eine gewisse Erschöpfung ein. Unsere fast 35kg schweren Räder den ganzen Tag nach oben zu stemmen, waren wir einfach nicht gewohnt. Umso euphorischer waren wir, als endlich der Bergsattel in Sicht war. Unter den etwas ungläubigen Blicken eines Einheimischen mit Esel im Schlepptau standen wir am frühen Nachmittag am höchsten Punkt unserer Reise: auf 1815m, knapp unter dem Gipfel das Maja Valbonës.
Die letzten Snacks im Gepäck waren ein Paket Erdnüsse, aber soviel Zeit nahmen wir uns und legten eine kurze Pause ein.
All die Höhenmeter, die wir uns nach oben gekämpft hatten, mussten wir jetzt wieder hinunter. Natürlich wurde dies auch keine kleinere Herausforderung. Der Weg hinunter war natürlich nicht viel anders als der Weg nach oben, nur stellenweise noch bedeutend steiler. Dafür hatten wir diesmal die Schwerkraft auf unserer Seite.
„Die meisten Unfälle in den Bergen passieren beim Abstieg“
Mit dieser Weisheit in den Ohren schoben wir unsere Räder bergab wie wir sie hinauf geschoben hatten, beide Hände immer an den Bremsen und voller Konzentration. Erst als wir die ersten versprengten Häuser in den Ausläufern des Valbonë Tal erreichten, war zeitweise daran zu denken, wieder aufs Rad zu steigen. Nach einem quälend langen und anstrengenden Stück Piste durch ein trockenes Flussbett erreichten wir, schon nach Einbruch der Dämmerung, den Beginn der asphaltierten Straße nach Valbonë. Da die Urlaubssaison hier längt vorbei war und der Herbst sich ankündigte, hatte kein Campingplatz mehr geöffnet. Letztendlich durften wir im Vorgarten eines Restaurants zelten und sogar das W-Lan nutzen.
Danke Ekki für: „diese Etappe vom Peaks of the Balkan kann man gut mit dem Rad machen“, du hast uns ein echtes Abendteuer beschert. Rest in Peace.
Etappe 16: 20,7km – 1.147Hm
Mit dem nächsten Morgen wurde aus einer Vermutung dann Gewissheit: Hier war es längst richtig Herbst! Die bunten Blätter an den Bäumen und die dünne Eisschicht auf dem Zelt sorgten dafür, dass wir beim Kochen, Packen und Co nicht so richtig in Fahrt kamen. Erst als die Sonne in das schmale Tal schien, machten wir uns auf den Weg, weiter das Tal hinunter nach Bajram Curri, um Lebensmittel und Kocherbenzin zu kaufen. Nachdem wir bergeweise frisches Obst und Gemüse, Nudeln und Backwaren gekauft hatten, (das kommt davon wenn man hungrig Einkaufen geht) machten wir eine längere Mittagspause kurz vor der Stadt am Denkmal des namensgebenden Freiheitskämpfers Bajram Curri.
Unsere Tourenplanung sah vor, weiter durch die albanischen Berge über Krumë und Kukës in den Kosovo zu fahren. Nach den Strapazen der letzten Tage waren wir jedoch wenig motiviert noch mehr Berge zu sehen und entschlossen spontan Richtung Nord-Osten zu fahren, um über Gjakovë nach Prizren in den Kosovo zu kommen. Was wir natürlich nicht so direkt bemerkten: natürlich befindet sich der Grenzübergang zum Kosovo auf einer Bergkette und natürlich hatten wir uns mal wieder die heißeste Zeit des Tages ausgesucht, dort hochzufahren. Nach einem sehr netten Gespräch an der Grenze (Der Beamte dort sprach sehr gut deutsch und war großer FC Bayern München Fan) fuhren wir auf bestem Asphalt in Richtung Gjakovë. Wir hatten einen richtig guten Tag und dank des windstillen Wetters und der ganz leicht abschüssigen Straße, fuhren wir mit deutlich über 30km/h nach Prizren, der zweitgrößten Stadt des Kosovos. Etwas überrascht von unserer Leistung, checkten wir mangels Alternativen bei Edis im Hostel M99, mitten in der Innenstadt, ein. Den verbliebenen Abend nutzen wir, um die Innenstadt zu erkunden, Essen zu gehen und mal wieder richtig ausgiebig zu duschen. Vielleicht auch nicht ganz in dieser Reihenfolge.
Etappe 17: 105km – 912Hm
Da uns Prizren wirklich gut gefiel, fassten wir (unter anderem wegen des einsetzenden, starken Regens) spontan den Entschluss, eine weitere Nacht hier zu bleiben und Edis über den Kosovo, den angrenzenden Nationalpark und unsere Route mit Fragen zu löchern.
Unsere dritte Etappe wollten wir ganz entspannt nach einem Pausentag einläuten, die Nacht davor wartete jedoch mit heftigem Gewitter und starkem Regenfall auf. Nach einer weiteren regnerischen Nacht wechselte das Wetter wieder, so als ob nichts gewesen wäre, zurück auf blauen Himmel und strahlenden Sonnenschein. Von Prapratno fuhren wir an der etwas skurril wirkenden Festung von Ston vorbei, die für uns überraschend bergige und kurvenreiche Küstenstraße in Richtung Dubrovnik. Ich war vor fast 20 Jahren, vor dem großen Game of Thrones-Hype, schon einmal dort. Abgesehen von den vielen kleinen Baustellen für Restaurationsarbeiten, (vor allem an den Fassaden und Türmen) sah die Stadt aus, wie ich sie in Erinnerung behalten hatte.
Wunderschöne enge Gassen, uralte Gebäude und dazu sehr viele Menschen, die sich durch selbige drängten und schoben. Obwohl es bereits Ende September und später Nachmittag war, war der Andrang für geführte Touren und am Eingang zur Stadtmauer enorm. Nachdem wir realisiert hatten, dass der Eintrittspreis für die Stadtmauer (zugegeben das Highlight für alle Touristen mit wenig Zeit) mittlerweile bei knapp 30€ pro Person lag, beschlossen wir es bei einem Spaziergang durch die Stadt zu belassen und, wenn möglich, noch am gleichen Tag aus dem recht teurem Einzugsgebiet der Stadt zu radeln.
Etappe 13: 70,5km – 913Hm
Unser Tag startete früh und mit dem guten Gewissen Kroatien endlich hinter uns lassen zu können. Je näher wir der Grenze zu Montenegro kamen, desto häufiger trafen wir auf Grenzpolizei, die auf und ab fuhr, interessiert schaute, uns aber komplett in Ruhe ließ. Nervös machte es uns irgendwie trotzdem ein bisschen. Der Grenzübertritt selbst war dann doch recht entspannt, auch wenn für uns nicht direkt ersichtlich war, in welche Warteschlange wir uns einreihen sollten.
Montenegro begrüßte uns mit einem spannenden Mix aus schnell ziehenden Wolken, viel Wind und wunderschöner Landschaft. Zwischendrin gab es immer wieder Momente mit Sonnenschein der die Landschaft in fast magisches Licht tauchte. Dieses Land will ich unbedingt noch mal intensiver bereisen, um mehr vom Landesinneren zu sehen. Berichte vom Dumitor Nationalpark und die unzähligen Berge mit super netten wie gastfreundlichen Bewohnern lassen offroad-Radler und Naturliebhaber-Herzen höher schlagen.
Funfact: Die Landeswährung hier ist der Euro, obwohl Montenegro weder Teil der Währungsunion noch Mitglied der EU ist.
Wir machten eine längere Pause am Eingang der Kotor Bay. Schon jetzt eine eindrucksvolle Szenerie: eine unglaublich enge Bucht, man könnte meinen das gegenüberliegende Ufer sei zum Greifen nah. Der zum Landesinneren gewandte Teil ist eingerahmt von fast 2000m hohen Bergen mit beeindruckend steilen Wänden, die fast bis ans Wasser reichen. Lediglich der namensgebende Ort Kotor schmiegt sich im Süden auf einem schmalen Steifen bis an den steilen Hang an.
Ikonisch für die Bucht sind Gospa od Škrpjela und Sveti Đorđe, zwei kleine Inseln vor der Küste von Perast in der Bucht von Kotor. Dabei handelt es sich um künstliche Inseln, die im 12. Jahrhundert durch ein Bollwerk von Felsen und ausgedienter, mit Steinen beladener und versenkter Schiffe geschaffen wurden. Sie beherbergen ein Benediktinerkloster und einen Friedhof für den Adel aus Perast und den übrigen, umliegenden Gemeinden.
Die durchaus malerische Strecke um die Bucht kürzten wir mit einer kurzen Fährfahrt über die Meerenge ab. Wir waren natürlich mal wieder zur Rush-Hour auf der einzigen möglichen Straße unterwegs und wollten uns nicht dem starken Verkehrsaufkommen aussetzen.
Etappe 14: 59km – 531Hm
Kotor – UNESCO Weltkulturerbe mit unfassbar schönem historischen Stadtkern. Noch in der Stadt geht es bergauf, von unten ist es unvorstellbar, dass durch diese Bergflanke eine Straße führt. Ich musste mehrfach angestrengt vom GPS auf den Berg und wieder zurück schauen, um eine ungefähre Vorstellung zu bekommen, was uns erwarten würde. Von unten ist die alte Pass-Straße schwer bis gar nicht zu erkennen. Die Straße wurde im 19. Jahrhundert angelegt, ist weitestgehend einspurig und zum Glück nur moderat befahren. In den unzähligen, sehr engen Serpentinen ist jedoch fast immer genug Platz um dem Gegenverkehr ausweichen zu können. Bei moderater Steigung von durchschnittlich nur 5% geht es vorerst 900 Höhenmeter bergauf zu einem kleinen Café mit Aussichtspunkt.
Nach einer kurzen Kaffeepause fuhren wir weiter über die nagelneue und frisch asphaltierte Straße Richtung Lovćen Nationalpark. Die neue Straße ist mit ca. 16% Steigung deutlich steiler, dafür sehr großzügig breit bemessen, nach den vorangegangenen Höhenmetern aber auch doppelt anstrengend. Selten konnte ich nagelneuen Asphalt so wenig genießen, wie dort. Für alle, die den Lovćen Nationalpark weiter erkunden wollen, gibt es die Möglichkeit, nach Kauf eines Tickets (welches gleichzeitig als Postkarte genutzt werden kann), einen kleinen Zeltplatz am Eingang zum Nationalpark zu nutzen.
Kaum waren wir über den Berg, änderte sich die Jahreszeit. So weit oben im Nationalpark mischten sich auf einmal verschiedenste Ocker, Rot, Braun und Lilatöne in die Landschaft. Leider machte der wolkenverhangene Himmel es nicht ganz einfach, alle Farbschattierungen der Landschaft einzufangen.
Nach einem kurzen Einkauf in Cetinje und Stop an der Tankstelle, um Benzin für den Kocher aufzufüllen, hatten wir die erste Fahrradpanne – David hatte einen platten Vorderreifen, im Halbdunkel, nur wenige Kilometer außerhalb der Stadt. Es half alles nichts, wir mussten rechts ran fahren und den Schlauch im Schein der Stirnlampe wechseln. (Wir hatten beide jeweils einen Ersatzschlauch dabei. Unser Plan war, im Falle einer Panne einfach den Schlauch zu tauschen und den Defekten dann in Ruhe an einem Pausentag zu flicken).
Es folgte eine recht abenteuerliche Abfahrt über eine tief ausgewaschene Schotterpiste, die stellenweise durch kleinere Bergrutsche beschädigt war. Auf halber Strecke hinunter ins Tal trafen wir auf ein Rudel Hunde, vermutlich die versammelte Mannschaft der umliegenden Höfe, die sich jedoch durch das Klappern des Topfsets in der Radtasche und unseren Lampen einigermaßen beeindrucken ließen und uns in Ruhe ließen. Der Ortseingang von Rijeka Crnojevića war auch nicht besonders einladend. Verlassene und halb verfallene Gebäude wechselten sich im Schein der Stirnlampen mit riesigen sowjetischen Kriegsdenkmälern ab, gefolgt von einer großen Industrieruine. Zu unserer Erleichterung war der Campingplatz, der stark an einen aufgegebenen Fußballplatz erinnerte, beleuchtet und belebt. Hätte es diesen Campingplatz nicht gegeben, so wie in unserer Karte angeben, wir wären auch im Stockfinsteren und nach den ganzen Strapazen des Tages wieder zur anderen Seite aus dem Tal hinausgefahren. Stattdessen bauten wir erleichtert und auch ganz schön erschöpft unser Zelt an der Crnojević, dem nördlichen Zufluss des Skutarisee (auch Shkodrasee oder Skadarsee, dem größer See der Balkanhalbinsel) auf
Etappe 15: 76,9km – 1.581Hm
Nach sorgsamer Abwägung entschlossen wir uns einen Pausentag einzulegen und noch mal richtig die Füße hochzulegen.
Wir hatten den Pausentag genutzt und zusammen kritisch auf die Karte geschaut, um ein Gefühl für die kommenden Tage zu kriegen. Dabei kam die Diskussion auf, dass wir schon wieder sehr viel in den Bergen unterwegs sein werden, David aber lieber länger am Meer geblieben wäre. Da wir das subtile Gefühl nicht los wurden, hinter unserem Zeitplan zu hängen, ließ ich mich mit dem Argument umstimmen, dass wir für die Teilstrecken zwischen den Inseln ja die Fähre nehmen müssten und so (bei gleicher Distanz) vermutlich weniger Höhenmeter zu bewältigen hätten und auch schneller sein würden.
Wie sich später herausstellen würde, war das zum Glück die richtige Entscheidung, wenn auch sich unsere anderen Annahmen als komplett falsch herausstellten.
Es ging also wieder los, ohne eine einzige Wolke am Himmel fuhren wir auf die Brücke nach Krk zu. Der Wärter im Zollhäuschen schaute zwar etwas ungläubig, aber wir durften die normalerweise zollpflichtige Brücke kostenlos passieren. Die Insel war genau so wie ich sie mir nicht vorgestellt hatte: Viel Verkehr, sehr heiß, kein Schatten und überraschend bergig. Zwischendrin fingen wir ernsthaft an zu zweifeln, ob das die richtige Entscheidung war. Nach einem Einkauf und noch viel mehr Sonne, erreichten wir nach einer kurzen Abfahrt Valbiska, die Fährstelle nach Rab.
Am Fährhaus war schnell klar, dass wir warten mussten. Beim Essen der Reste vom Vortag lernten wir ein Schweizer Pärchen kennen, die eine ähnliche Reiseroute hatten, aber auf uralten und schwer bepackten Vespas unterwegs waren. Eher beiläufig beim Vergleich unserer Routen erzählten sie von ihrer spontanen Idee über die Inseln vor der „Bora“ zu flüchten. Wir hatten natürlich nicht den Wetterbericht studiert und ließen uns aufklären. Als Bora, bzw. Burja werden kalte Fallwinde bezeichnet, die aufgrund der hohen Durchschnittsgeschwindigkeiten zu den stärksten der Welt gehören und bis zu 250km/h erreichen können. Nach einem kurzen Blick in den Wetterbericht wurde uns schnell klar, dass wir trotz der Strapazen auf Krk die richtige Entscheidung getroffen hatten und waren heilfroh, alldem über die kroatischen Inseln entkommen zu können. Manchmal muss man einfach Glück haben…
Die Autofähre nach Lopar auf Rab war wirklich groß, Kleinfahrzeuge wie wir duften aber zuerst an Board. Rab ist wunderschön, noch bergiger, es gibt aber auch etwas mehr Vegetation. Kurz nachdem wir die Stadt hinter uns gelassen hatten, war bei uns der Akku leer. Ich war einfach richtig erschöpft, so als hätte man mir den Stecker gezogen. Es half aber nichts: Direkt an der Straße konnten wir nicht bleiben, also krochen wir weiter den Berg hoch. Da Wildcampen in Kroatien (zumindest im touristischen Teil) verfolgt wird und mit hohen Strafen belegt ist, steuerten wir einen, leider sehr vollen Campingplatz an. Bei der Anmeldung kam dann der Schock: Weder David, noch ich fanden unsere Ausweise! Und so ganz langsam dämmerte es uns… Die hatten wir beim letzten Campingplatz abgegeben und bei der Abreise nicht wiederbekommen. Was für ein Anfängerfehler! Nach einem hektischen Telefonat war klar: Genau so war es passiert. Wir bekamen einen Scan unserer Personalausweise per Mail geschickt, konnten uns anmelden und bauten das Zelt auf. Nach längerer Diskussion und Abwägung aller Optionen blieb uns nur ein übrig: Wir beschlossen einen Campingplatz am Südzipfel von Kroatien kontaktieren, dort unsere Ausweise hinschicken zu lassen und ab sofort wieder so gut es ging wild zu zelten.
Etappe 6: 47,6km – 578Hm
Nächster Morgen – nächste Insel: Pag. Die „Fähre“ war eher ein kleines Boot, unsere Räder wurden provisorisch an Deck festgebunden und wir durften uns vorne aufs Deck setzen. Es folgte eine schaukelige Überfahrt bei strahlend blauem Himmel. Ich hatte gehofft Delfine zu sehen, leider haben sich keine gezeigt.
Nun gab es quasi keinen Schatten mehr, es war aber auch nicht mehr so bergig wie bisher auf den anderen Inseln. Außer einigen wenigen Einheimischen trafen wir niemanden mehr. Kaum waren wir 30 km unterwegs, ging uns pünktlich zur Mittagszeit das Wasser aus. An der Kirche in Novalja bekamen wir Wasser beim Pfarrer und konnten weiter fahren.
Kurz hinter der Stadtgrenze standen wir vor der nächsten schwierigen Wahl: nehmen wir die Straße und damit einen größeren Anstieg auf uns oder doch die Schotterpiste, die vermutlich weitestgehend flach sein müsste, aber leider gesperrt war. Die Hitze und müden Beine erleichterten die Entscheidung und wir wurden für unseren Mut belohnt mit einer der schönsten Offroad-Steckenabschnitte in Kroatien.
n Pag selbst führte der Weg vorbei an kleinen Fischerbooten, entlang eines riesigen Beckens zur Meersalzgewinnung. Obwohl die Straße in gutem Zustand und einigermaßen flach war, kam hartnäckiger Gegenwind auf, der uns nicht wieder los ließ. In Dinjiska bot sich eine Campingmöglichkeit bei einer netten Familie im Garten. Der eigene Steeg ins Meer war der krönende Abschluss des Tages.
Etappe 7: 65km – 671Hm
Der Wecker klingelte schon um 6 Uhr, wir hatten einen langen Tag vor uns. Nicht nur zurück aufs Festland, wir wollten zurück auf unsere eigentliche geplante Route in die Berge. Kaum waren wir runter von den Inseln, begann sehr böenartiger, heftiger Wind, der immer weiter zunahm, je näher wir der Pass-Straße kamen.
Die folgenden 14 km wurden die bis dahin anspruchsvollsten unserer Reise. Wir krochen mit durchschnittlichen 6km/h den Berg hoch, immer wieder von so heftigen Böen begleitet, dass uns nichts anderes übrig blieb, als anzuhalten. Teilweise war an Fahrradfahren nicht zu denken, ich wurde mehrfach, einfach so, vom Rad geweht oder gegen die Leitplanke gedrückt. Hinter der ersten Bergkette war es dann auch vorbei mit dem guten Wetter. Dunkelgrauer Himmel, weiterer starker Wind und Gewitter erwarteten uns. Bei gefühlt 20 Grad weniger und sichtlich abgekämpft, erreichten wir kurz vor Gracac wieder die geplante Route. Nach einem kurzen Abstecher zum örtlichen Supermarkt fanden wir einen kleinen Campingplatz außerhalb des Orts. Nach einigem hin und her waren wir uns einig, dass eine heiße Dusche nötig war.
Etappe 8: 72,3km – 1.264Hm
Nach einer etwas durchwachsenen Nach wachten wir mit Eis auf dem Zelt auf. So richtig mochte keine Begeisterung für den Tag aufkommen, nach einem kurzen Frühstück mit großem Kaffee fuhren es etwas später als gewöhnlich los. Und wie könnte es anders sein, natürlich erst mal bergauf.
Nach einer kurzen aber steilen Abfahrt nach Knin veränderte sich die Situation auf der Straße merklich. Von einem auf den anderen Moment war sehr viel Militär präsent. Ob in zivilen Mannschaftswagen, Pickups, LKW oder auch zu Fuß, überall waren Soldaten. Ich machte die durchaus angespannte Lage an der bosnisch-kroatischen Grenze, die nicht nur sehr lang, sondern auch eine weitestgehend unbefestigte „Grüne Grenze“ ist, dafür verantwortlich. Da nicht nur (mal wieder) die Schokoladenvorräte zur Neige gingen, sondern auch fast kein Benzin mehr in der Flasche war, machten wir den üblichen Abstecher in die Stadt.
Je weiter südlich wir kamen, desto weniger Militär war sichtbar. Kurz hinter dem Dorf Gradac fanden wir eine perfekt versteckte Stelle zum Zelten. In den letzten Tagen war mir aufgefallen, dass sich das Straßenbild der Orte in den Bergen fundamental von denen an der Küste unterscheidet. Es gibt kaum größere Städte, die Müllentsorgung ist quasi nicht existent, fast alle Einwohner betreiben kleine Landwirtschaften und halten Nutztiere. Der Kontrast ist schon sehr deutlich, wenn man bedenkt, dass das touristisch erschlossene Küstengebiet keine 80 km von den dörflichen Regionen quasi ohne Infrastruktur entfernt liegt. Einen Vorteil hatte unsere Abgeschiedenheit allerdings: Einen grandiosen Sternenhimmel, den ich so in Europa noch nicht gesehen hatte.
Etappe 9: 87,7Km – 976Hm
Der Wecker klingelte erneut relativ früh, wie immer wenn wir wild zelteten und dabei auf keinen Fall entdeckt werden wollten. An diesem Morgen waren wir so früh wach und so schnell beim Zelt abbauen und einpacken, dass wir schon um kurz vor 7 Uhr auf den Rädern saßen. Der Blick aufs GPS Gerät versprach eine längere Abfahrt, es ging zurück an die Küste. Als die Sonne richtig aufgegangen war, hielten wir zum Frühstücken an einer Bushaltestelle. Kurz darauf sorgten wir damit für amüsierte Blicke bei den Locals, die auf den Bus zur Arbeit warteten. Es kommt scheinbar nicht so häufig vor, dass neben der Haltestelle zwei ungewaschene Typen sitzen, die Kaffee kochen und Brot mit Ajvar essen…
Die lang ersehnte Abfahrt nach Split war dann leider doch nicht so spektakulär wie erwartet. Als wir an der Promenade ankamen, waren es bereits wieder schweißtreibende 26 Grad – wir hatten immer noch die gleichen Klamotten an, mit denen wir morgens bei knapp 4 Grad in den Bergen losgefahren waren. Nach einer kleinen Sightseeing Tour durch die historische Altstadt ging es direkt weiter nach Stobrec; zum dortigen Campingplatz hatten wir unsere Ausweise schicken lassen. Obwohl es erst halb vier am Nachtmittag war, beschlossen wir die Gelegenheit zu nutzen, um zu Waschen und checkten daher ein.
Etappe 10: 64km – 711Hm
Nach unzähligen stressigen Kilometern auf der kroatischen Küstenstraße nahmen wir die steile Pass-Straße hinter Omis sportlich. Leider fiel mal wieder das steilste Stück des Tages in die Mittagszeit. Manchmal muss es eben weh tun, bis man daraus lernt.
Die Hochebene, die sich uns nach der Schinderei zeigte, war jedoch Entschädigung genug. So hatten wir Kroatien noch nie gesehen: dichtes Buschland, eingebettet in hohe Berggipfel und durchschnitten vom Fluss Cetina, der im Laufe der Zeit eine tiefe Schlucht in den Boden gefressen hat.
Einige Pässe weiter fanden wir etwas abseits der Straße, mitten im Buschland, einen gut geschützten Platz für die Nacht.
Etappe 11: 81Km – 1.356Hm
Abfahrt am nächsten Morgen war pünktlich zum Sonnenaufgang. Kurz vor sieben. Losfahren. Und das im Urlaub… zum Glück war der erste Teil der Tagesetappe eher handzahm, es ging vor allem bergab in Richtung der Hafenstadt Ploce. Die 53 Km zur Fähre flogen gefühlt an uns vorbei und um die Mittagszeit warteten wir neben einer Reisegruppe mit schweren Harleys am Pier.
Mit dem Übersetzen auf die Halbinsel Pelješac gingen wir in Trpanj wieder an Land. Schon nach wenigen Kilometern war schnell klar, dass dieses Eck Kroatiens wieder zu den bergigeren gehört. Ich war nach kurzer Zeit völlig erschöpft. Am Ende halfen mir 500g Erdnüsse und zahlreiche Schokoriegel die unfassbar idyllische Landschaft trotz der vielen Anstiege zu genießen. Die letzten Kilometer hinunter nach Prapratno waren ein absoluter Hochgenuss, nichts schien mir schöner als das Straßenschild, das vor den 8% Gefälle der Straße warnte. Nach zwei sehr anstrengenden Tagen war klar, dass wir hier unseren zweiten Pausentag einlegen würden.